Ingrid Neuner, 97 Jahre

Deutschland 1939 - 1945 / 2018

Der Zweite Weltkrieg von 1939 bis 1945 stellt den größten militärischen Konflikt in der Geschichte der Menschheit dar. Über 60 Staaten beteiligten sich direkt oder indirekt an den Kämpfen. Nach Schätzungen fielen dem weltweiten Schlachten zwischen 60 und 70 Millionen Menschen zum Opfer. Flächenbombardements legten ganze Städte in Schutt und Asche.  Rotkreuzschwestern wie Ingrid Neuner versuchten, das Leid zu lindern. Und waren oft selbst kaum erwachsen geworden.

Das Wohnzimmer von Ingrid Neuner ist hell und aufgeräumt. Zwei langgezogene Sofas, an den Wänden reiht sich eine imposante Anzahl von Büchern in Regalen. Eines hält die alte Dame schon bereit. Aus dem Fotoalbum blickt eine junge Frau in Schwesterntracht des Roten Kreuzes aus einem  Bild. Pulawy steht auf der Rückseite geschrieben, Pulawy 1941. Den Krieg und seine Schrecken erfährt die heute 97-Jährige als junge Frau.

Eigentlich ist sie damals fast noch ein Mädchen, das kurz zuvor die Schulbank gedrückt hat. Mit 18 wird sie als Schwesternhelferin eingezogen: 1938, noch vor Beginn des Krieges. Es ist ein Pflichtdienst. 1939 beginnen die Kämpfe, die junge Frau findet sich schnell am OP-Tisch im Lazarett der Wehrmacht im polnischen Pulawy wieder. Voller Blut auf der blütenweißen und gestärkten Schürze.

Es ist der Auftakt zu einem großen Schlachten, das die halbe Welt in Schutt und Asche versinken lassen wird. Soldaten mit zerschmetterten Gliedmaßen liegen vor Ingrid Neuner. Die Ärzte ziehen Granatsplitter und Kugeln aus Körpern und sie amputieren. Beine und Arme werden abgesägt, die junge Frau assistiert. Weint zusammen mit den Soldaten, wenn diese aus der Narkose aufwachen und begreifen müssen, dass ein Teil ihres Körpers fehlt. 

In all dem Wahnsinn wollen sich die jungen Rotkreuzschwestern nicht ganz ihre Jugend rauben lassen. „Es gab viele schöne Stunden. Wir haben miteinander gesungen, und unsere Kameradschaft war unerschütterlich“, sagt Ingrid Neuner.

Die Schwesternhelferin will sich zur Krankenschwester fortbilden lassen. Ihr neuer Einsatzort ist Bochum. Dort zeichnet sich schon sichtbar die Niederlage des Deutschen Reiches ab. Die Alliierten fliegen Bomberangriffe. Ingrid Neuner muss ihre Patienten in die Schutzräume bringen, wenn die Sirenen heulen. Die Schäden sieht sie nach der Entwarnung. Ganze Häuserzeilen haben sich in brennende, rauchende Trümmerhalden verwandelt.

Selbst der Krieg kann die Liebe nicht verhindern. Ingrid Neuner heiratet und wird als Schwangere von ihrem Dienst in das Elternhaus ihres Mannes nach Burgfarrnbach entlassen. Der Krieg holt die werdende Mutter schnell ein. Im September 1944 sterben bei einem Angriff  auf den dörflichen Fürther Stadtteil ein Dutzend Menschen: meist Kinder, Frauen und Alte. „Eine Bombe schlug direkt in der Nachbarschaft ein. Dort…“, Ingrid Neuner zeigt aus einem der Fenster auf schmucke Häuser.

Am 1. Februar 1945 wird Ingrid Neuner Mutter. Wenige Stunden nach der Entbindung kreischen die Sirenen in Burgfarrnbach. Die junge Frau und ihr Sohn müssen im Keller Zuflucht suchen. Der erste Tag im Leben des Neugeborenen, der schönste Tag für eine junge Mutter, beginnt mit Angst. „Nichts passierte, zum Glück.“ 

Aber das nahe Nürnberg war am Kriegsende ein einziges Trümmerfeld. „Viele Freunde und Verwandte waren ausgebombt. Da hieß es zusammen halten“, sagt die 97-Jährige. Sie ist heute zweifache Mutter, siebenfache Großmutter und hat bereits vier Urenkel. Dem Roten Kreuz ist sie auch nach dem Krieg treu geblieben. „Wenn ich die Nachrichten ansehe, all die vielen Kriege. Es ist, als würden alle verrückt werden. Es schmerzt mich im Herzen. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft. Auch hier in Deutschland“, sagt die alte Dame.

„Wenn ich die Nachrichten ansehe, all die vielen Kriege. Es ist, als würden alle verrückt werden. Es schmerzt mich im Herzen. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft.”

So unterstützt Handicap International

Flächenbombardements legten im zweiten Weltkrieg ganze Städte in Schutt und Asche. Die Auswirkungen dieser Explosivwaffeneinsätze erlebte Ingrid Neuner hautnah mit. Explosivwaffen (Granaten, Raketen, improvisierte Sprengsätze und Streubomben usw.) töten und verstümmeln. Über 90 Prozent der Opfer stammen aus der Zivilbevölkerung – und das, obwohl der Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten (EWIPA) durch das Völkerrecht verboten ist. Handicap International setzt sich dafür ein, dass das Völkerrecht und der besondere Schutz, unter dem die Zivilbevölkerung steht, mehr geachtet wird und die Betroffenen der explosiven Kriegsreste unterstützt werden.
Zusammen mit INEW beteiligten wir uns aktiv an dem diplomatischen Prozess zur Ausarbeitung einer politischen Erklärung, die dem besseren Schutz der Zivilbevölkerung vor dem Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten dienen soll. Der Text der politischen Erklärung, der seit 17. Juni 2022 in seiner finalen Version vorliegt, beinhaltet auch wesentliche Forderungen von HI und INEW. So werden die humanitären Auswirkungen von Explosivwaffen erstmals anerkannt und klare Verpflichtungen für die Staaten zur Opferhilfe, zur Räumung von Kampfmittelrückständen und zur Risikoaufklärung genannt.

Obwohl in Deutschland seit Jahrzehnten Frieden herrscht, haben Kriege weiterhin Einfluss. Menschen fliehen nach Deutschland, deutsche Organisationen sind in Kriegs- und Krisengebieten im humanitären Einsatz und führen Projekte in Deutschland durch. Aktuell laufen von Handicap International in Deutschland drei Projekte: „Crossroads“, das die Teilhabe Geflüchteter mit Behinderung verbessern will. „Phase 2 – Leave No One Behind!“, welches das Ziel verfolgt, die Inklusion von Menschen mit Behinderung in der humanitären Hilfe zu verankern. Und ein Bildungsprojekt, das unter anderem Lehrveranstaltungen in Schulklassen und Erwachsenenbildungseinrichtungen durchführt, sowie die Ausstellungen „erschüttert“ und „Barriere:Zonen“ deutschlandweit präsentiert.