Mohammed Hwiedi, 55 Jahre

Libyen: 2012

Die fortdauernden Kämpfe hinterlassen ein explosives Erbe. Zum einen steckt der libysche Boden voller Blindgänger – zum anderen sind viele Waffen im Umlauf. Beides bringt oft den Tod. Der nordafrikanische Staat kommt nicht zur Ruhe. Es wird weiter ge- und beschossen, die Menschen leiden unter der Unsicherheit. Bauern wie Mohammed Hwiedi und Medad AliKamadin riskieren bei der Feldarbeit ihr Leben.

Der Olivenbaum wirft einen langen Schatten. Bald ist Erntezeit, die Äste tragen schwer an den schwarzen Früchten. Doch die Idylle täuscht. Fast wäre der Krieg wieder da gewesen, und es ist ein Wunder, dass der betagte rote Traktor von Medad Ali Kamadin nicht zerfetzt und ausgebrannt auf dem Acker steht. Ein Wunder, dass der Bauer nicht verblutet daneben liegt. „Ich hörte ein metallenes Kratzen beim Pflügen. Als ich mich umdrehte, sah ich sie“, sagt der 55-Jährige und zeigt auf die Artilleriegranate, die im Erdreich nahe dem Olivenbaum steckt.

„Unglaublich, und du bist mit dem Pflug darübergefahren?“, fragt Joma Sabti und schüttelt den Kopf. Dann „zäunt“ er zusammen mit seiner Kollegin Wedad Dwini die Fundstelle ein. Spannt mit rot-weißem Plastikband ein Viereck. Drückt dem Bauer ein Infoblatt in die Hand und warnt: „Lass die Kinder ja nicht zu nahe heran.“

Sabti gehört zum Hotline-Team von Handicap International. Der Besuch bei Bauern wie Medad Ali Kamadin gehört für ihn zum Alltag. Kaum ein Tag, an dem nicht jemand anruft, weil er irgendwo auf eine Granate, Bombe oder Munition gestoßen ist. Der junge Mann sichert dann die Fundstelle. Später rücken die Entschärfer der Hilfsorganisation an. Können sie den Zünder unschädlich machen, wird der Blindgänger mitgenommen.

Wenn es nicht anders geht, wird er gleich vor Ort in die Luft gejagt. An manchen Tagen stehen Joma Sabti und seine Kollegin Wedad Dwini auch vor Schulklassen, blicken in aufgerissene Augen und offene Kindermünder, wenn sie erzählen, wie eine Granate einen ganzen Arm abreißen kann. „Kinder sind oft Opfer. Sie halten das Teufelszeug für Spielzeug“, sagt Joma Sabti.

„Das hier war ein gewaltiges Schlachtfeld im Aufstand gegen Gaddafi“, sagt Sabti, als der Wagen weiterholpert. Auf der nahen Asphaltstraße reihen sich ausgebrannte Panzer aneinander. Doch die Kämpfe im Jahr 2011 haben weitaus gefährlichere Spuren hinterlassen.

Der nächste Hotline-Anruf kommt fast aus der Nachbarschaft. Auf den Feldern des Dorfs Dafnia, ein Vorort von Misurata, schlugen die Granaten tausendfach ein. Beide Seiten schossen, bis die Rohre glühten. Geblieben sind bei Mohammed Hwiedi die Angst und ein Feld voller Splitter. Deformierte Raketenteile, Reste von Propellergranaten, Geschosse. „Ich werde das Feld nicht bearbeiten, solange nicht jeder Quadratmeter Boden gesichert ist“, sagt der Bauer.

„Ich werde das Feld nicht bearbeiten, solange nicht jeder Quadratmeter Boden gesichert ist.“

 

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So hilft Handicap International

In Libyen müssen viele Bauern wie Mohammed ihr Leben riskieren, wenn sie ihren Acker bestellen. Der Boden steckt voller Blindgänger und explosiver Kriegsreste. Explosivwaffen (Granaten, Raketen, improvisierte Sprengsätze und Streubomben usw.) töten und verstümmeln. Über 90 Prozent der Opfer stammen aus der Zivilbevölkerung – und das, obwohl der Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten durch das Völkerrecht verboten ist. Handicap International setzt sich dafür ein, dass das Völkerrecht und der besondere Schutz, unter dem die Zivilbevölkerung steht, mehr geachtet wird und die Betroffenen der explosiven Kriegsreste unterstützt werden.

Auch Landminen sind noch immer ein Problem für Bauern in Libyen, wie der jährliche Landminen Monitor feststellt. Handicap International verfolgt beim Kampf gegen Minen einen ganzheitlichen Ansatz – von der Risikoaufklärung über die langfristige Unterstützung von Minenopfern bis zur humanitären Entminung und internationalen politischen Kampagnenarbeit. 1992 rief Handicap International gemeinsam mit anderen Organisationen die Internationale Kampagne für ein Verbot von Landminen (ICBL) ins Leben. 1997 wurde dieses Verbot mit dem Ottawa-Vertrag beschlossen (Inkrafttreten 1999). Für dieses politische Engagement und die erfolgreiche Kampagne erhielt Handicap International gemeinsam mit der ICBL den Friedensnobelpreis 1997.