Familie Komarova

Ukraine 2017

Elena Komarova sammelt sich. Sie holt tief Luft, als würde sie abtauchen wollen. „Wir feiern gerade ein trauriges Jubiläum“, sagt die 38-Jährige in ihrer kleinen Küche in Kyjiw. Dann erzählt sie von der Flucht aus Luhansk vor drei Jahren. Damals kreischten die Kampfflugzeuge über den Dächern, die Artillerie grollte. Das Beben der Einschläge konnten die Komarovas unter ihren Füßen spüren. Von Russland unterstützte Separatisten kämpften in der Ostukraine gegen die Staatsarmee um jeden Meter.

Die Flucht der Familie in die Hauptstadt gelingt, doch ihr erster Tag in Sicherheit wird zur Katastrophe. In einer nahe gelegenen Uni knallt ein Feuerwerk, um die Absolventen zu verabschieden. „Die Kinder sind vor Angst unter den Tisch gekrochen. Wir haben alles versucht, wir haben sie nicht mehr hervorbekommen“, sagt Mutter Komarova. Für die studierte Psychologin ist der Tag eine traumatische Erfahrung. Der Krieg lässt sich nicht abschütteln, er bleibt nicht zurück. „Meine Kinder so zu sehen, zu wissen, was mit ihnen passiert ist. Es war furchtbar“, sagt sie.

Dann herrscht Stille in der Küche. Komarova schlägt die Hände vor das Gesicht. Vom Wohnzimmer klingen Kinderstimmen herüber. Zwischen einer völlig überladenen Schrankwand und zwei durchgesessenen Schlafsofas wuseln der sechsjährige Semen und die einjährige Lyubava über staubig-grünen Teppichboden. Kleine Autos sausen über den Boden, ein Plastikbagger gräbt sich durch einen Berg Spielzeugsoldaten. Die große Schwester Olga sitzt auf der Couch und beobachtet das Geschehen scheinbar beiläufig aus den Augenwinkeln. Ihr Smartphone spielt russische Schnulzen, und das Mädchen singt mit.

Elena Komarova und ihr Mann Vyacheslav sorgen sich um ihre Kinder. In der Klasse wird Olga gehänselt. Jetzt wechselt das Mädchen die Schule. „Sie mögen uns Kinder aus dem Osten nicht“, sagt die Zehnjährige fast beiläufig. Aber dann senkt sie doch traurig den Kopf, blickt auf ihr Smartphone. Dort spielen weiter die Schlager.

Elena Komarova macht sich mit ihren Kindern auf zum Spielplatz des Wohnblocks. Triste Sowjet-Platte, so weit das Auge reicht, ein Block nach dem anderen. Selbst die Spielgeräte sind aus Beton. In den Händen der Mutter klappern Muscheln. Erinnerungen aus einem anderen Leben, an einen Urlaub am Schwarzen Meer. Der Sohn baut eine Sandburg, die Muscheln sind die Fenster.

Es schmerzt Elena Komarova, dass ihre Familie den Krieg nicht einfach zurücklassen konnte. „Immerhin haben die Kinder keine Angst mehr, wenn ein Flugzeug am Himmel niedriger fliegt“, sagte die Mutter leise.

„Die Kinder sind vor Angst unter den Tisch gekrochen. Wir haben alles versucht, wir haben sie nicht mehr hervorbekommen.“

So unterstützt Handicap International

Die junge Familie musste vor den Auswirkungen des Krieges aus Luhansk fliehen. Explosivwaffen (Granaten, Raketen, improvisierte Sprengsätze und Streubomben usw.) töten und verstümmeln. Über 90 Prozent der Opfer stammen aus der Zivilbevölkerung – und das, obwohl der Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten (EWIPA) durch das Völkerrecht verboten ist. Handicap International setzt sich dafür ein, dass das Völkerrecht und der besondere Schutz, unter dem die Zivilbevölkerung steht, mehr geachtet wird und die Betroffenen der explosiven Kriegsreste unterstützt werden.
Zusammen mit INEW beteiligten wir uns aktiv an dem diplomatischen Prozess zur Ausarbeitung einer politischen Erklärung, die dem besseren Schutz der Zivilbevölkerung vor dem Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten dienen soll. Der Text der politischen Erklärung, der seit 17. Juni 2022 in seiner finalen Version vorliegt, beinhaltet auch wesentliche Forderungen von HI und INEW. So werden die humanitären Auswirkungen von Explosivwaffen erstmals anerkannt und klare Verpflichtungen für die Staaten zur Opferhilfe, zur Räumung von Kampfmittelrückständen und zur Risikoaufklärung genannt.

Vor allem die Kinder sind aufgrund der erlebten Geschehnisse traumatisiert. Seit der Gründung von Handicap International im Jahr 1982 sind Reha-Leistungen für Menschen mit Behinderung eine zentrale Aufgabe. Diese Maßnahmen umfassen auch eine psychosoziale Unterstützung von Betroffenen, um wieder selbstständig ins Leben zurückzufinden.